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W05 - von Edmundston nach Québec Stadt: vier Jahreszeiten an einem Tag

Woche fünf in Kanada (die dritte Oktoberwoche 2018) und die Tage 16 - 20 auf den Fahrrädern brachte uns den ersten Schnee. Unerwarteter Weise stellte dieser jedoch kein Problem dar, sondern viel eher der extreme Gegenwind, zusammen mit Regen und der daraus resultierenden Kälte - obwohl wir doch in der Woche davor schon so gute Übung mit widrigen Umständen hatten sammeln konnten. Doch gab es auch positive Überraschungen auf diesen 320 Kilometern: Dank Le Petit-Témis, la Route Verte & la Route des Navigateurs fuhren wir über luxuriöse, durch Vegetation vor Wind geschützte, gut beschilderte Fahrradwege durch malerische Natur, ein letztes Aufleuchten der bunten Herbstblätter an den Bäumen, Weitblick über wildes Wasser und Felder und Sonnenuntergänge zwischen aufreißenden Sturmwolken. Willkommen im kanadischen Herbst!

Bevor es mit dem Bericht losgeht, möchte ich an dieser Stelle bereits kurz ein paar erklärende und entschuldigende   Worte ob der langen Schreibpause verlieren. Gleich vorab   ein riesiges Dankeschön an alle lieben Nachrichten die uns in der Zwischenzeit erreicht haben, Entschuldigung für die lange Stille und schön, dass Ihr wieder hergefunden habt! Ich schreibe diesen Eintrag über unsere Reisewoche 5 (17. - 21.10.) in unser Weblogbuch 6 Monate nachdem das ganze passiert ist. Warum? Tja, dafür kann man viele Erklärungen   finden - oder aber einen der ausschlaggebenden Gründe nennen, den sich niemand, der es nicht selbst erlebt hat, je ganz vorstellen können wird. KANADISCHER WINTER. Um eine Idee zu bekommen, reicht es jedoch bei einer Suchmaschine Deiner Wahl „Canadian seasons“ einzutippen und auf „Bilder“ zu klicken. Unterschiedliche Grafiken und „Meemes“ werden bildhaft beschreiben, was wir in den letzten Monaten erlebt haben - in gutes Beispiel ist Cassandra Calins Comic. Natürlich hängt es immer davon ab, wo genau man sich in Kanada befindet, aber für   Québec (immerhin 1.542.056 Quadratkilometer groß und drei Klimazonen umspannend laut Wikipedia) können wir bestätigen: es gibt ca. elf Jahreszeiten, sechs davon muss man dem Winter zuordnen, dann soll es einen kurzen, heftigen Frühling und Sommer geben und die letzten drei beschreiben den Herbst. Auch wenn ich gerade eben den kanadischen Winter für die lange Pause in unserem Tagebuch genannt habe, heben wir uns die Besprechung der Winterzeit für einen späteren, eigenen Blogpost auf - denn trotz erstem Schnee, war vermutlich im Oktober noch einfach nur echter, kanadischer Herbst.

 

Quelle des Bildes: https://www.reddit.com/r/alberta/comments/9agmto/canadas_11_seasons_they_forgot_our_new_one/

 

 

Mittwoch, 17.10.2018

04:10 Stunden reine Fahrtzeit 58 km Ø 13,9 kmh max 36 kmh   

 

 

Im vorherigen Blogpost beschrieb ich ja bereits unsere wundervolle Ruhephase vor unserer anstehenden Etappe nach Québec Stadt - sowie unsere Wegplanungen und Sorgen wegen des Wetters. Nach einigem Zweifeln und widersprüchlichen Empfehlungen von Locals starteten wir am 17.Oktober 2018 dann aber entschieden und beherzt auf unsere nächste Strecke. Mit der Streckenplanung ist es immer so eine Sache. Zwar kann man Höhenprofile abrufen und mit bekanntem Gelände vergleichen - wie es sich dann aber am Ende tatsächlich anfühlt, weiß man erst hinterher. So wussten wir zwar, dass wir, bevor wir auf den Petit-Témis gelangen würden, erst einmal ein ganzes Stück hoch, dann viel zu weit runter und dann wieder auf den Berg hoch mussten, ob es sich aber tatsächlich so schlimm anfühlen würde wie es aussah, wussten wir nicht. Mit der Aussicht jedoch, dass auch der Petit-Témis bis nach Rivière-du-Loup (Ziel für den zweiten Tag) dann stetig ansteigen würde,   mischte sich eine gehörige Portion Unlust aber auch grimmige Entschlossenheit in unsere Stimmung. Nachdem wir uns von Carole und Ihrem Hund Yuki verabschiedet hatten strampelten wir den ersten, kurzen aber steilen, Berg des Tages hoch, um wenige Minuten später die befürchtete Abfahrt vor uns liegen zu sehen.

 

Mehr als diese zwei Bilder gibt es von dem ersten Teil der Tagestour nicht, denn mit regenschwerer Wolkendecke über uns und frischem Gegenwind, war das letzte wonach uns   der Sinn stand, unser Leid zu dokumentieren. Diese Aussicht auf die Abfahrt, bzw. eher den darauffolgenden Anstieg, musste jedoch festgehalten werden. Erfahrenere Radfahrer schütteln sich wahrscheinlich vor Lachen bei meinen Ausführungen… aber ich erinnere mich auch noch sechs Monate später sehr deutlich an dieses Gefühl, mit Anlauf, sehenden Auges in einen Wald des Leidens hineinzufahren, aus dem es kein Entrinnen mehr geben würde. Warum hatten wir uns nicht dafür entschieden wie von Carole empfohlen den Bus zu nehmen? Dann wiederum, was für eine sinnlose Frage. Wenn wir es gemütlich hätten haben   wollen auf dieser Reise, hätten wir uns einen Van gekauft, nicht Fahrräder. Tatsächlich schaffte ich es sogar, die lange, geschwungene Abfahrt ein bisschen zu genießen - trotz dem   danach drohenden Anstieg. Als wir dann auf ungefähr halber Strecke des Anstiegs im Schritttempo nebeneinander her strampelten, bemerkte ich, dass ich mir einiges an Horror hätte ersparen können, wenn ich nur halb so viel und halb so schnell im Vorfeld gedacht hätte. Berge strampelt man halt einfach hoch, dass ist zwar anstrengend, aber macht das Leben auch ziemlich einfach. Das einzige Ziel des Lebens wird in diesen Minuten nicht aufzuhören zu strampeln. Und das wiederum ist ein wunderschönes Beispiel für unser Motto: einfach - nicht leicht - und ist zugleich auch die Antwort auf die Frage, warum wir nicht   den Bus genommen haben, oder einen Van gekauft haben.

 

 

Nach diesem zweiten Anstieg des Tages waren wir endlich warm und wach und ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber wir kamen relativ schnell und unkompliziert auf den Petit-Témis, einen liebevoll angelegten Fahrradweg, der ab Québec auch Teil der Route Verte ist. Der Weg war durchgehend gut gepflegt, ca. zwei Meter breit, aus festem Sand-Kies-Gemisch. Er führt zwar stetig bergauf, aber so subtil, dass wir zwar langsamer als sonst voran kamen, es aber nicht unbedingt anstrengender war. Wie befürchtet frischte der Wind weiter auf und wehte in heftigen Böen. Am Anfang des Weges hatten wir damit noch zu kämpfen,   da uns die Route noch dicht an der Autobahn entlang führte und die Büsche noch nicht viel Schutz boten. Bald jedoch bog der Fahrradweg ab, die Straße verschwand und mit Ihr   Autolärm und Windböen, denn von nun an waren wir geschützt durch Büsche und Wald. Kurz darauf waren wir dann bereits an der Grenze zwischen New Brunswick und Québec angelangt. Wir waren gut in der Zeit, es hatte immer noch nicht angefangen zu regnen und der Weg wurde nun komplett gerade. Zeit um die Fotodokumentation wieder aufzunehmen.   

Natürlich haben auch die perfektesten Fahrradwege in schönster Umgebung kleine Mängel - die aber leicht aus dem Weg zu räumen waren. Ganz ungewohnt und luxuriös, wegen einsetzendem Regen aber auch dringend benötigt, waren für uns die oft überdachten Rastplätze für Fahrradfahrer entlang der Strecke. Wir konnten uns nur vorstellen, dass im Sommer hier viel los ist. Wir sahen an diesem Tag insgesamt allerdings nur acht Menschen, von denen fünf Arbeiter waren die den Weg nun, nach der Saison, reparierten. Die anderen drei gingen mit ihren Hunden spazieren. Dafür hatten wir während unserer Pause aber Besuch einer anderen Art.

 

 

Nach der Hälfte des Weges wurde die Strecke dann noch einmal magischer. Wir gelangten an den „Lac Témiscouata“, an dessen Ufer der zweite Teil der Tagesstrecke entlang führte. Der Regen hörte nach einer halben Stunde wieder auf, sodass wir sagenhafte Ausblicke über den See und den herbstlichen Wald genießen konnten.

Im Gegensatz zu sonst, verging die zweite Hälfte der Strecke dann deutlich schneller als die erste, wir waren im Flow und kamen gut voran, genossen die Ruhe und die Aussicht. Bei   strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel erreichten wir dann bereits um 14:30 Uhr Cabano - die Stadt in dem auch unser Motel gelegen war. Wir hatten genug Zeit um uns eine letzte Pause und etwas zu essen zu gönnen sowie für den Abend und die nächsten Tage frisches Proviant zu kaufen. Auf den letzten Kilometern durch die Stadt begann es noch einmal zu regnen - als wir unser Motel pünktlich vor Sonnenuntergang gegen 17:00 erreichten klarte es aber wieder auf. Wir genossen den Sonnenuntergang, die kleine   Küchenzeile in unserem Zimmer und die heiße Dusche und vielen zufrieden ins gemütliche Bett.

Eine letzte Lektion hatten wir vor dem glücklichen Ende dieses erlebnisreichen Tages allerdings noch lernen müssen: wenn Dein Fahrradhändler Dir sagt, dass im vollbepacktem   Zustand das Fahrrad nicht auf den Ständer gestellt werden sollte - dann tue es auch nicht. Natürlich hatten wir uns, wann immer möglich, daran gehalten und die Räder während Pausen an Wände gelehnt. Allerdings gibt es Situationen auf solchen Touren, bevorzugt in einsamen Gegenden ohne Hauswände, in denen Frau mal schnell vom Rad absteigen muss - und selbiges nicht wie Männer das machen einfach festhalten kann, sondern sich ohne Rad ins Gebüsch hocken muss. Dafür hatte ich den Ständer mehrfach in den letzten Wochen benutzt, da Pascal in diesen Situationen meist damit beschäftigt war sein eigenes Fahrrad festzuhalten. Wer nun meint, man könne das Fahrrad ja einfach ein einen Baum lehnen liegt falsch. Durch das Gewicht am Vorder- und Hinterrad braucht man mindestens zwei geeignete Punkte zum anlehnen - und die sind in der Eile meist nicht gut zu finden, denn natürlich zögert man jede Pause so lange wie möglich heraus. Von nun an musste es aber eben auch ohne Ständer weiter gehen. Gut, dass ich jetzt gerade durchs schreiben daran   erinnert werde, dass wir uns in der langen Zeit die wir in Montréal sind ja um eine Lösung dafür kümmern wollten…

 

Donnerstag, 18.10.2018 ? Stunden reine Fahrtzeit 64,9   km Ø ? kmh max ? kmh       

 

Am nächsten Morgen begrüßte uns der erste Schnee des Winters auf dem Motel Parkplatz. Wie gut, dass die Campingplätze bereits geschlossen hatten, sonst hätten wir die Nacht sicherlich im Zelt verbracht…


 

Der Wind hatte weiter zugenommen, der See schlug Wellen wie der Atlantik und der Himmel wechselte von knallblau mit rasenden Wolken zu grau mit schneeschweren selbigen innerhalb von Minuten.

Zurück auf dem Petit-Témis staunten wir aufs Neue wie sehr uns die Vegetation vor dem Wind schütze und wir genossen traumhaft ruhige Momente mit leise rieselndem Schnee bei Saint-Louis-du-Ha! Ha!. Eine ganz besondere Stimmung umfing uns auf diesem Teil des Weges, alles war wie in Watte gepackt und schien zwischen Herbst und Winter stillzustehen. 

Einzig die beißende Kälte setzte uns zu. Wir waren schneller erschöpft als sonst und konnten uns aber auch durch eine Pause mit Essen und heißem Tee nicht richtig erholen. Zum Glück fuhr ich seit Wochen eine Thermoskanne durch die Gegend, bisher war sie zwar immer nützlich gewesen um heißes Wasser vom Abend für einen schnellen Start am morgen zu konservieren... gleichzeitig hatte sich Pascal aber auch über meinen Ballast lustig gemacht. Heute hatte ich sie gefüllt mit auf unsere Tour mitgenommen und nun rettete sie uns beide. 

Doch trotz heissem Tee - Stillstand bedeutete an diesem Tag noch mehr zu frieren, sodass wir   nach einer sehr kurzen Pause schnell weiter mussten. So wurde dieser Tag, trotz wunderschöner, wilder Natur und Einsamkeit (ich glaube wir trafen insgesamt drei Menschen) recht hart. 

 

Am Ende zog sich der Weg gefühlt in die Länge, wir näherten uns gefährlich nahe der Zeit des   Sonnenuntergangs und waren einfach nur kaputt, müde und hungrig. Unser Ziel war an diesem Tag ein AirBnB in   Saint Antonin, da die Motels in Rivière-du-Loup sonst weitere 10 km entfernt gelegen hätten und das AriBnB besonders günstig war. Kurz vor dem Ende wurde es dann nochmal spannend, da das AirBnB in einer Straße gelegen war, die in der Map-App   nicht verzeichnet war und auch die Anwohner nicht wussten welche Straße wir da suchten. Da unser Gastgeber beim Sport war, ging er auch nicht ans Handy. Am Ende fanden wir dann aber doch die Straße, die noch ganz frisch durch Neubaugebiet führte - und konnten uns für die Nacht einrichten und in der excellent ausgestatteten Küche etwas wärmendes kochen. 

 

Vor lauter Müdigkeit löschte ich versehentlich meinen Tacho ohne die Daten des Tages zu   notieren - schlafen konnten wir aber trotzdem gut.

 

Freitag, 19.10.2018 05:03 Stunden reine Fahrtzeit 79,1 km Ø 15,6 kmh max 35 kmh

 

Eine unserer längeren Strecken erwartete uns an diesem Tag, mit Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt und, sobald wir in die Nähe des Sankt-Lorenz-Stroms gelangten,   auch wieder viel Wind. Wir kürzten ab, anstatt über Rivière-du-Loup zu fahren, fuhren wir schräg Richtung Südwesten und gelangten dann in Notre-Dame-du-Portage wieder auf die Route Verte, welche sich an dieser Stelle die meiste Zeit mit der Route des Navigateurs, einer extra ausgeschilderten Route für Touristen, doppelt. Der Fahrradweg Petit-Témis endet in Rivière-du-Loup - von nun an fuhren wir also wieder auf Landstraßen. Dank der Route Verte sind diese durchgehend mit breiteren Seitenstreifen versehen, welche für Fahrradfahrer vorgesehen sind, teilweise gibt es auch kleine Strecken als Fahrradwege neben der Straße. Für die erste Strecke des Flusses wichen wir allerdings von der Fahrradroute, welche auf der größeren Straße ein paar hundert Meter weiter im inneren des Landes entlangführte, ab und blieben auf der Route des Navigateurs, welche die kleinsten Straßen durch alte   Fischerdörfer wählte. Direkt am Wasser entlang fuhren wir vorbei an kleinen Häuschen die gar nicht mehr nordamerikanisch aussahen, sondern das Gefühl vermitteln, man sei in Südfrankreich. Im Sommer muss es am Sankt-Lorenz-Strom von Touristen nur so wimmeln. Wir sahen Campingplätze, Kunsthändler und Cafés (natürlich alle geschlossen) und träumten vom Häuschen am Strand mit Veranda und Stockrosen.

Später dann verschwanden die kleinen Strassen durch die Küstenorte und die einzige Straße war von nun an die Landstraße, die auch die Route Verte benutzt. Es ging weg von der Küste ein Stück ins Landesinnere - so weit, dass man das Wasser nicht mehr sehen konnte und es wieder bergauf und bergab ging, aber nicht weit genug rein, dass man windgeschützt gewesen wäre. Hier gab es keine Büsche  oder Bäume, nur Felder, Felder, Felder. Die Strecke zog sich auf dieser einsamen Landstraße und durch landwirtschaftlich geprägte Dörfer. Tatsächlich lernten wir an diesem Tag, dass unsere bisherigen Erfahrungen mit Gegenwind eher Gegenwindchen gewesen waren. Wir  hatten das Gefühl auf der Stelle zu treten - Lust darauf Fotos zu machen, hatte niemand.

Wir mussten voran kommen, denn es wurde später uns später. Für die letzten Kilometer ab 17:00 wurde die Landstraße zur Autobahn und mit einsetzender Dämmerung führte uns die   Route Verte weg von der Straße auf einen wirklich hübschen Weg durch Schilf entlang des Flusses. Leider jedoch hält Schilf keinen Wind ab und die letzten 30 Minuten wurden noch windiger. Dann aber hatten wir es geschafft. Unser Motel lag auf der anderen Seite der Autobahn - bevor wir dahin abbogen genossen wir sogar noch ein paar Minuten am Wasser, bei wehendem Schilf und ziehenden Wildgänsen.

 

Samstag, 20.10.2018 05:24 Stunden reine Fahrtzeit 58,6 km Ø 10,8 kmh max 29 kmh   

 

Die Erwartungen an den folgenden Tag waren gewesen, dass es ein deutlich unbeschwerter Tag werden würde, da deutlich weniger Kilometer zu bewältigen sein würden. Auch der Wetterbericht versprach 11 grad plus mit Wolken aber ohne Regen. Doch es war kanadischer Herbst - und wir wurden erneut überrascht, herausgefordert, getestet. Der Weg führte uns zurück an den Sankt-Lorenz-Strom und dem wunderschönen Fahrradweg durchs Schilf. Hier angelangt begrüßte uns dann der Wind, der uns den ganzen Tag begleiten sollte und uns lehrte, dass man nicht nur auf die Temperatur und die Regenwahrscheinlichkeit achten sollte   bei der Routenplanung, sondern auch auf die Windgeschwindigkeit und -richtung. 

 

 

Um 13:00 Uhr, nach knapp zwei Stunden hatten wir erst zwanzig Kilometer, also ein Drittel der Tagesetappe hinter uns, beschlossen aber dennoch Pause zu machen. Wir hatten großen Hunger und waren durchgefroren. Leider fand sich natürlich ausgerechnet an diesem Tag nicht alle fünf km ein überdachter und geschützter Rastplatz für Fahrradfahrer. So verkrochen wir uns tatsächlich hinter den großen Müllcontainern auf dem Parkplatz eines der vielen,   geschlossenen Campingplätze, da es sonst weit und breit keinerlei Schutz vor dem Wind gab. Während Pascal mit dem Campingkocher unsere letzten Tütengerichte für Notfälle zubereitete, informierte ich mich im Internet genauer über das Wetter. Wir hatten Wind der uns mit 45 kmh aus Südwesten entgegen blies - dabei häufig in Böen mit 65 kmh. Die gefühlte Temperatur lag bei sieben Grad Celsius. Kein Wunder dass wir nicht voran kamen, froren und hungrig waren. Die Aussicht auf die nächsten Stunden versprach das der Wind sehr langsam schwächer werden würde - dafür stieg aber die Regenwahrscheinlichkeit.   

Nachdem wir gegessen hatten, begann es dann zu regnen - obwohl der Wetterbericht damit erst gegen 17 Uhr gerechnet hatte. Die Einzige Idee die wir hatten war die Flucht nach   vorn   anzutreten, schließlich hatten wir für den Abend ein Motel gebucht und für den darauffolgenden Tag wartete ein AirBnB in Québec auf uns. Und wer wusste, wie das Wetter morgen sein würde. Also ging es weiter. Auf einer Strecke die bei 10 Grad wärmer, 30 kmh weniger Gegenwind und ohne Regen sicher wundervoll gewesen wäre. Auch in eins der vielen   gemütlich aussehenden Cafés am Wegesrand hätten wir uns gern für die ein oder andere   halbe   Stunde verkrochen - aber leider hatten sie alle geschlossen. Zwei Stunden lang strampelten wir wortlos hintereinander her. Die Route Verte führte nun der Seitenstreifen der   Küstenstraße   entlang und obwohl kaum Autos unterwegs waren, schlenkerten uns die vielen und heftigen Böen so oft auf die Mitte der Straße, dass es wirklich nicht mehr lustig war. Äste vielen um uns herab und der Regen wurde heftiger als wir uns gegen 15 Uhr unter stellten - einfach unter dem Vordach eines kleinen, privaten Häuschens. Wir konnten keinen Meter weiter. Der Himmel war dunkel grau bis schwarz, Regen prasselte und der Südwestwind fegte Äste und Blätter über die Straße.

Plötzlich bewegte sich hinter dem Fenster vor dem ich stand die Gardine. Mist. Wir hatten gehofft dass niemand zuhause ist und wir hier einfach ausharren könnten, bis der Wind oder Regen wenigstens etwas nachgelassen hatte. Kurz darauf fuhr ein Auto auf den Parkplatz vor dem Haus. Eine Frau, ein Mann und ein Mädchen stiegen aus. Es stellte sich heraus, dass die Familie den Großvater, welcher allein in dem Haus vor dem wir standen wohnte besuchte. Fünf Minuten später standen wir tropfend im Haus alten Mannes. Zu sechst beobachteten wir die am Himmel entlangrasende, schwarze Wolkenfront durch das Fenster, welches Ausblick auf die   Wasserfläche des Sankt-Lorenz-Stroms bot. Natürlich entspann sich auch eine Unterhaltung darüber, warum wir bei diesem Wetter auf den Fahrrädern unterwegs waren und wohin.   Nachdem wir von uns und unserer Reise erzählt hatten sowie Kaffe angeboten bekommen hatten und stattdessen unsere Flaschen mit Wasser aufgefüllt hatten, erfuhren wir auch   etwas über unsere Gastgeber. Der ältere Herr ist Bildhauer und wir standen direkt in seiner Werkstatt. Mit dem fantastischen Blick auf das Wasser arbeitete er noch immer an   detaillierten, menschlichen Holzstatuen. Da er selber nur Französisch sprach, übersetzte seine Tochter und sein Schwiegersohn, dass er vor vielen Jahren sogar in Deutschland für eine Ausstellung gewesen war. Nach etwa einer halben Stunde wurde es am Horizont etwas heller und der Regen etwas leichter. Obwohl es noch immer heftig stürmte, entschieden wir, dass wir weiter mussten, um irgendwann diesen anstrengenden Tag wie geplant im Hotelbett zu beenden.

 

Als wir draußen unsere Fahrräder bereit machten um weiter zu fahren kam die Frau nochmal zu uns und bot an, dass wir die Nacht auch mit ihnen im Haus übernachten könnten. Die Lasagne am Abend würde auch für zwei Leute mehr reichen und es gäbe zwar nicht genug Betten, aber mit unseren Isomatten würde sich eine gute Schlafmöglichkeit für uns finden. Tatsächlich gab es nichts, was wir uns in diesem Moment mehr gewünscht hatten und wir waren überwältigt von diesem aufmerksamen und herzlichen Angebot. Nach kurzer   Beratung beschlossen wir uns dann aber doch weiter zu fahren, der Himmel klarte langsam auf und wir hatten nicht nur unser gebuchtes Hotelzimmer, sondern auch die Fahrt am   nächsten Tag nach Quebec, die sonst quälend lang werden würde. Wir bedankten uns also herzlich und gaben unsere Blogadresse weiter um in Kontakt zu bleiben.

 

 

Das letzte Drittel des Weges verlief unspektakulär. Der Wind blies zwar noch kräftig aber die Böen schliefen ein, die Wolken rissen auf, die Sonne ging unter, der Mond ging auf. Die letzten Kilometer fuhren wir durch die Dunkelheit - wieder einmal froh, dass wir beim Ausrüsten der Räder auf gute Beleuchtung geachtet hatten. Unser Hotel kurz vor der Stadt lag zwischen vielen anderen Hotels, Motels und Restaurant und um zu feiern, dass wir diesen Tag überstanden hatten, gönnten wir uns Pizza, anstatt selbst zu kochen und vielen danach in unser Bett.

 

Sonntag 21.10.2018 04:43 Stunden reine Fahrtzeit 62 km Ø 13,1 kmh max 31 kmh   

 

Heute war der große Tag! Heute würden wir nach fünf Wochen das Ziel erreichen, welches wir uns zu Beginn der Reise gesteckt hatten. Wir hatten bereits gehört, dass Québec eher klein sei und es nicht so einfach sein würde einen Job zu bekommen, wenn man nicht bereits gut Französisch sprechen kann. Unser neues Ziel vor dem Winter war also bereits zu diesem Zeitpunkt Montréal. Trotzdem war Quebec eine große Sache. Wir hatten unser AirBnB für ganze fünf Nächte gebucht und waren gespannt eine der schönsten und ältesten Städte Kanadas kennen zu lernen.

 

Der Wind war heute gnädiger - bei Gegenwind von 20kmh, mit Böen in 30kmh kamen wir gut voran. Als wir langsam hungrig wurden, kurz bevor die Hälfte der Strecke erreicht war   passierte etwas seltsames. Während vorher die Temperatur angenehm gewesen war, viel sie plötzlich, nachdem wir einen Hügel überwunden hatten extrem ab. Da wir sehr hungrig   waren und eine geeignete, windgeschützte Raststelle am Wegesrand auftauchte beschlossen wir dennoch Rast zu machen. Als wir uns während wir unsere Sandwiches aßen fast die Finger abfroren, beschlossen wir kurz im Internet nachzuschauen wie die tatsächliche Temperatur gerade war. Wir fanden heraus, dass wir nicht verrückt waren, sondern die Temperatur   wirklich um fast 10 Grad abgefallen war. Warum, wissen wir bis heute nicht.   

 

Die nächsten fünfzehn Kilometer nach der Pause waren noch einmal sehr hart. Die Strecke führte an diesem Tag zum Grossteil durchs Landesinnere und nach jedem Hügel erwarteten wir endlich wieder das Wasser sehen zu können. Ich fühlte mich wie früher in den Sommerferien wenn wir mit dem Auto auf dem Weg in den Urlaub waren. Die letzten    Stunden hatten wir Kinder immer damit verbracht zu fragen, wann wir endlich da sind und versucht das Meer zu riechen oder einen Blick darauf zu erhaschen. Diesmal war das warten jedoch um einiges kälter und anstrengender.

 

 

Irgendwann war es dann aber soweit. Es ging eine lange Abfahrt hinunter und man konnte bereits den Sankt-Lorenz-Strom sehen. Wie immer, wenn man etwas sehnsüchtig erwartet, waren wir aber immer noch nicht am Ziel. Es dauerte noch weitere sieben Kilometer, bis wir den Hafen erreichten. Diese sieben Kilometer jedoch waren ganz besonders und machten   unglaublich viel Spaß. Wir bogen von der Straße ab auf den Fahrradweg, welcher über eine alte Bahnstrecke führte. Der Weg war frisch asphaltiert und schlängelte sich mitten durch die Wohngegend, durch Parks und über alte Bahnbrücken. Immer wieder hatten wir Ausblick auf den Fluss und nach einiger Zeit sahen wir endlich die Skyline von Quebec in der Ferne auftauchen.

Als wir gegen 16 Uhr im Hafen ankamen brach auch noch die Sonne durch die   Wolken und wir sahen de Fähre die wir später auch nehmen würden gerade ab ablegen. Die Stunde Wartezeit kam uns aber mehr als gelegen, denn wir wollten die Sonnenstrahlen des Tages mit Blick auf Quebec gern in dem Cafe verbringen, welches wir gegenüber vom Hafen gesehen hatten. Obwohl das Lokal gut gefüllt war ergatterten wir den perfekten kleinen Tisch am Fenster in der Sonne und genossen es sehr uns eine letzte Stärkung im Warmen zu gönnen - mit Blick auf unser Ziel der letzten fünf Wochen.

Eine Stunde später standen wir auf der Fähre… ist das nur mein Ding oder sind Fährüberfahrten einfach etwas besonderes? Der Wind, das Wasser, die Gerüche, die   Geräusche, der Blick auf die Klippen und das Chateaux… ich bekommen Gänsehaut und einen Klos im Hals wenn ich nur darüber schreibe. Die Überfahrt dauerte eine knappe halbe Stunde und wir gelangten aus dem Hafen direkt auf den sehr breiten und gut in Stand gehaltenen Fahrradweg. Als Teil der Route Verte schlängelt er sich am Wasser entlang der Stadt und bis auf die letzten Kilometer zum unserer Unterkunft konnten wir auf diese sehr angenehme Art durch Quebec Stadt reisen. Der letzte Endspurt wurde dann nochmal   spannend - es ging den sehr steilen Anstieg hoch weiter in die Stadt hinein und die Navigation funktionierte ausnahmsweise mal nicht einwandfrei. So mussten wir einige Einbahnstrassen hinauf und hinunter bevor wir unsere Wohnung gefunden hatten. Nach 20 Minuten mehr als gehofft erreichten wir dann jedoch unser AirBnB und konnten uns endlich ganz in unsere wohlverdiente Pause stürzen.

 

Text: Kira

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Kommentare: 1
  • #1

    Barbara (Sonntag, 12 Mai 2019 01:37)

    Hi ihr Lieben, schön das ihr wieder da seit ;) Ach herrje...., gut das das alles eine Weile zurück liegt und ich ja schon einiges weiß, von dem was im letzten Halbjahr geschehen ist! Durch den Reisebericht wieder hautnah dabeisein ist mal wieder unbeschreiblich & gruselig schön. Auf dem Sofa im Warmen zu sitzen und trotzdem beim Lesen Gänsehaut zu bekommen...hm! Bin ich froh das bald Sommer ist. Freu mich auf die Fortsetzung, bis dahin hab euch lieb :* B.